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Ulrike Sanne - Malerei Rede zur Ausstellungseröffnung am Sonntag, den 3. Dezember 2000 CJD Bonn - Internationales Jugendforum, Graurheindorfer Str. 149, 53117 Bonn Pamela Almut Fremerey, M.A., Kunsthistorikerin
erwähnten Bilder in Extrafenstern [funktioniert mit MSIE 5.x und Netscape 4.x].
Die norddeutsche Landschaft und Lebensart hat die Bilderwelt der Künstlerin deutlich geprägt. Besonders gut ist das zu sehen auf dem Bild Strandspaziergang . Vorlage für dieses Bild ist eine Fotografie, von der sie sich im Atelier an der Leinwand inspirieren ließ. Damit steht sie auf ihre Weise in der Tradition des romantischen Landschaftsmalers Caspar David Friedrich, der draußen in der Natur Skizzen anfertigte, aus denen er im Atelier seine sogenannten Seelen-Landschaften zusammensetzte. Auch für Ulrike Sanne ist die Skizze, in diesem Fall ein Foto, Ausgangspunkt für das Bild, das sie an der Staffelei vollendet. Der Strandspaziergang ist klar in verschiedene Bereiche aufgeteilt: Im Bild, das beherrscht ist vom aufgewühlten Himmel, peitscht der Sturm das Wasser, wirbelt die Wolken umher und bläht die Segel der Boote am Horizont. Der Vordergrund zeigt drei Menschen, deren Schatten auf den Sand fallen. Die Dynamik dieses Bildes entsteht aus dem Motiv wie auch durch die Technik, mit der die Künstlerin arbeitet. Die Acrylfarben trägt sie nicht mit dem Pinsel auf, sondern sie formt sie geradezu mit Spachtel und Fingern. Sturm, Gischt und Küstenlandschaft bringt sie mit dem kraftvollen Schwung des Spachtels und ihrem unmittelbaren Körpereinsatz in lebhafter Weise auf die Leinwand. So energisch trägt sie die Farbe auf, dass die Spuren ihrer Werkzeuge sichtbar bleiben. Ihr künstlerischer Ausdruck, ihr Duktus, wandelt sich mit dem Eindruck, den das Motiv ihr einprägt. Ein Sturm regt sie an zu heftigen Farbbewegungen, ein ruhender Akt zur zärtlichen Pinselführung. Besonders deutlich wird das, wenn man die Aquarelle und die Acrylarbeiten vergleichend betrachtet. Von der Landschaftsmalerei nun zu einer Stadtansicht, dem Bild Der weite Blick aus dem Jahr 1998. Wir sehen eine Teilansicht von Bremen, den Blick aus ihrer Wohnung. Zuerst fällt das lange Querformat auf, das die Aufteilung in waagerechte Bildbereiche - Stadt und Himmel - betont. Der Himmel lastet dunkel, leuchtend blau über der Stadt, die sich darunter in einer hellen Häuservielfalt erhebt. Der starke Hell-Dunkel-Kontrast grenzt die Bildflächen farblich und inhaltlich voneinander ab. Die senkrecht aufragende Hauswand am linken Bildrand verbindet die Bildelemente wieder und schließt die Ansicht nach links ab. Die anderen Ränder bleiben offen und geben dem Bild den Charakter eines Ausschnittes. Es handelt sich nicht um eine topographisch genaue Stadtansicht, und es geht der Malerin auch nicht um eine wirklichkeitsgetreue Darstellung. Vielmehr gilt es, mit den Mitteln der Farbe und des Farbauftrags das Gesehene zu abstrahieren und eine bestimmte Atmosphäre, Stimmung oder ein Gefühl auf die Leinwand zu bannen. Damit steht sie in ihrer künstlerischen Intention dem Expressionismus nahe, der auf die Sichtbarmachung des seelischen Ausdrucks zielte. Der intuitive und symbolische Umgang der Künstlerin mit der Farbe ist an diesem Bild sehr schön zu erkennen. Die Lokalfarbe der Häuser, also ihre Eigenfarbe, tritt in ihrer Bedeutung zurück, auf der Palette dominiert das Blau: als Farbe des Himmels und des Meeres weist es auf die Unendlichkeit. Anhand dieses Werkes können wir den charakteristischen Arbeitsprozess der Malerin Schritt für Schritt nachvollziehen: vor dem eigentlichen Malen beginnt Ulrike Sanne mit dem ersten Materialauftrag, der Grundierung. Mit weißer Farbe oder mit Gesso - einer Grundiermasse - sorgt sie für eine glatte Malfläche und versiegelt den textilen Untergrund, so dass die Farbe später nicht aufgesogen wird. Dann skizziert sie mit Rötelkreide die Konturen des Motivs auf die Leinwand. Manchmal verbindet sie die Kreide mit einer weiteren Schicht der Grundiermasse, um die spröde Kreide mit den wasserlöslichen Acrylfarben zu vermischen. Das Ergebnis sehen wir in Der weite Blick an den Konturen der Häuser: die Rötelkreide teilt die Farbflächen und sorgt für Akzente zwischen den Blautönen. Stellenweise setzt sie die Kreide auch als Schattierung ein. Nach der Skizze kommt die Farbe. Die Künstlerin zieht Acrylfarben den Ölfarben vor die leuchtenden Farben sind wasserlöslich, und der synthetisch erzeugte Acrylharz trocknet schneller. Auf den großen Leinwänden arbeitet sie mit pastosem Duktus, eine Besonderheit ihres Stils. Sie trägt die Farbe großzügig auf und zieht mit dem Spachtel über die Bildoberfläche; dabei entstehen dicke Farbschlieren, die in den Raum greifen. Bei manchen Acrylarbeiten nutzt sie als weiteres gestalterisches Element eine farbige Lasur. Diese trägt sie mit einem breiten Pinsel auf, legt so über das Bild eine durchsichtige Struktur, eine Art Schleier, mit dem sie Partien des Bildes hervorheben kann. Die Pinselschläge bleiben dabei sichtbar, wie etwa in dem Bild Alterndes Selbstbewusstsein . Wir können also in den großformatigen Acrylarbeiten von dem ersten bis zum letzten Arbeitsschritt den ganzen Malprozess visuell nachvollziehen. Sie bezieht die Skizze in das fertige Bild mit ein und betont damit ihre Bedeutung. Die mit dem Pinsel gemalten Acrylarbeiten haben den mit dem Spachtel geformten gegenüber eine andere Qualität - sie sind ruhiger in ihrem Ausdruck, die Oberfläche ist glatter, der Farbverlauf ist fließender, die Farbflächen sind klarer voneinander abgegrenzt. Sehen Sie sich die Arbeiten Über den Dächern von Walle und Ausblick an, dann sehen Sie das gleiche Motiv in einem ganz anderen Licht. Variationen ein und desselben Motivs kommen häufiger vor. Die Künstlerin erzielt sehr unterschiedliche Wirkungen, wenn sie etwa ein Stilleben als transparentes Aquarell ausführt, oder wahlweise einen fast schon reliefartigen Farbauftrag wählt. Auch bei den Portraits experimentiert sie mit den Materialien und dem Farbauftrag. Neu gegenüber den älteren Arbeiten ist, dass sie in den Bildnissen persönlicher wird: Blieben ihre Menschen in früheren Arbeiten anonym, da sie dem Betrachter den Rücken zudrehten oder nur als Fragment, als Torso dargestellt waren, so wendet sie sich in neueren Werken dem Individuum zu. Auffallend an den Arbeiten in dieser Ausstellung ist dabei die Auseinandersetzung der Künstlerin mit der eigenen Person: in dem Bild Die Drei Kinder , das Ulrike mit ihren Brüdern zeigt, oder der Die Teetrinkerin , die auf der Einladung abgedruckt ist. Dass die Künstlerin sich bildnerisch der eigenen Person zuwendet, spricht für ein wachsendes künstlerisches Selbstbewusstsein. Dabei ist es interessant zu wissen, dass sie bei den Selbstportraits bewusst auf ein Foto als Vorlage zurückgreift. Beim Malen sieht sie also nicht in den Spiegel, wie wir es von den Selbstportraits Vincent van Goghs kennen. Ulrike Sanne empfindet diese Perspektive als starr und sie sagt, dass sie vom Wesen des Künstlers zu wenig preisgebe. Sie vermittelt uns also ein indirektes Bild von sich selbst, indem sie sich durch die Perspektive eines Zweiten inspirieren läßt. Die Freude, Ruhe und Behaglichkeit, die das Selbstportait Die Teetrinkerin vermittelt, ist ein lebendiges Ergebnis dieser Arbeitsweise. Ulrike Sannes aktuelle Bilder zeigen, wie sehr sie sich in den vergangenen Jahren künstlerisch weiterentwickelt hat. Die Schaffensperiode, in der sie die Leinwände aggressiv aufriss und sie mit Gips fixierte, eine düstere Farbpalette entsprechend den mystischen Motiven wählte, ist vorbei. Heute sehen wir die Werke einer gereiften Künstlerin, die Licht und Schatten, Sturm und Ruhe in sich vereint und auf der Leinwand lebendigen Ausdruck gibt. [...]
Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Januar 2001 täglich von 9 Uhr bis 20 Uhr geöffnet. |